Hund im Rollstuhl?

 

Ein schwieriges Thema... Schon wenn man selbst nicht unmittelbar betroffen ist, ist es nicht ganz einfach. Wenn man mittendrin steckt wird es richtig ernst.

Aber von Anfang an:

 

Unser Gismo brachte genetisch nicht gerade einwandfreie Hüften mit und mit einem Jahr bekam er schwere HD bescheinigt. Ein Schock für uns, die wir mit der Röntgenaufnahme doch nur einen gesunden Hund attestiert haben wollten! Die Schulmedizin konnte nichts für ihn tun, da er sich noch völlig symptomfrei zeigte. Bei einem Terheilpraktiker erhielt er eine einmalige Spritzenkur mit dem Versprechen, dass er "so gut wie neu ist". Tatsächlich vergingen weit über 12 Jahre, in denen unser Großer problemlos jede körperlliche Herausforderung wie ein gesunder Hund wegsteckte. Erst an Silvester 2012 - inzwischen war er 13,5 Jahre alt - zeigte sich eine Schwäche in den Hinterläufen. Recherchen und Beobachtungen ergaben als Ausschlußdiagnose degenerative Myelopatie, eine Erkrankung des Rückenmarks, die völlig schmerzfrei verläuft. Bis August 2013 tauchte diese Schwäche nur sehr sporadisch und bei größerer Belastung auf, z.B. wenn er mit anderen (schnellen) Hunden mitrennen wollte. Dann knickten die Läufe ein und es sah so aus, als ob er sitzen würde. Ab September 2013 wurde er zunehmend instabiler und schließlich war der 22. Oktober 2013 der erste Tag, an dem er selbstständig gar nicht mehr laufen konnte. 

 

Und jetzt? Obwohl wir gewusst hatten, dass es irgendwann soweit sein würde, war die Akzeptanz der neuen Situation ein nicht zu unterschätzendes Thema. Dann begannen wir, seinen und unseren Tagesablauf neu zu organisieren. Liegeplätze, Hilfsmittel zum Unterstützen (gar nicht so einfach beim Rüden...), Unterbringung im Auto, Gassigänge - es gab einiges, das bedacht werden wollte. Und es zeigte sich ein Problem: Gismo ist mit ca. 27 kg Gewicht und 60 cm Schulterhöhe ein großer und relativ schwerer Hund. Nach spätestens 15 Minuten, in denen ich ihn hinterhandseitig durch Hochheben so weit unterstützte, dass er vorne frei beweglich war, krampften meine Hals- und Schultermuskeln und wir mussten den Spaziergang abbrechen.

 

Wir begannen uns mit dem Thema "Hunderolli" auseinanderzusetzen. Das Internet war eine große Hilfe - Erfahrungsberichte, Hersteller, Rollitypen, Material, Preise. Wir landeten schließlich bei Hunderollwagen.de und können rückwirkend unsere Entscheidung nur bestätigen. Angefangen bei der ersten Korrespondenz über die Anleitung zur Bestellung und weiter bis zum Erhalt des Rollis nach 3 Tagen ab Bestellung (!!) war das in Summe eine wirklich runde Sache. Der Rolli selbst hat gepasst wie ein Handschuh - und Gismo vergaß augenscheinlich sofort wieder, dass er eigentlich nicht mehr laufen kann: als er im Rolli in unserem Wohnzimmer zum ersten Mal eingehängt war, stieg ihm der Duft der Würstchen in die Nase, die ich zum Anlocken vorbereitet hatte und marschierte direkt auf die Geruchsquelle zu. Kein Eingewöhnen, keine Unsicherheit. Nicht einmal Überzeugungsarbeit mussten wir leisten - er nahm zwar die Würstchen dankbar und freudig an, war aber ansonsten völlig easy unterwegs. Und genauso setzte sich diese Erfahrung beim ersten Gassigang fort: er probierte seine Möglichkeiten, scheiterte an Hindernissen, musste sich anstrengen und war ganz offensichtlich einfach wieder gut mit dabei!

 

Wir sind sehr zufrieden und glücklich mit unserer Entscheidung für den Rollwagen, der Gismo die zurückgewonnene Freiheit und uns eine Riesenentlastung beschert hat - zwei Fliegen mit einer Klappe, mehr kann man sich nicht wünschen. Natürlich müssen wir uns in Zukunft kritischen Blicken stellen und sicher auch so manche Frage beantworten. Nicht jeder unserer Mitmenschen kann diese Entscheidung nachvollziehen. Aber wer unseren Hund kennt, weiß, dass sie richtig war!

 

17. Juli 2014

Heute durften wir Gismo's 15. Geburtstag feiern! Es ist ein kleines Wunder, dass wir unseren Großen immer noch haben dürfen und er nach wie vor - mit seinen Möglichkeiten - aktiv am Leben teilnehmen kann. Nach fast 9 Monaten im Rolli hat sich nichts Grundlegendes verändert, ausser dass sich die anfänglich nur sporadisch auftretende Darminkontinenz nach und nach auch auf die Blase ausgedehnt hat - Symptomatik der Myelopathie aufgrund von fortschreitender Degeneration. Nach wie vor ist er wach und witzig, gerne bei allem direkt dabei und kann seine Wünsche sehr deutlich formulieren - und wir haben in den vergangenen Monaten Vieles dazugelernt. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass er nicht gerne im Liegen frißt und teilweise sein Futter verweigerte, bis wir dahinter gekommen sind, dass er lieber im Stehen seine Mahlzeiten genießen möchte. Ein aufgelegter Holzstab mit Einhängemöglichkeit und das Essen schmeckte wieder! Viele andere Kleinigkeiten haben sich immer wieder ergeben und machen sein und unser Leben einfacher und praktischer.

Wir denken in kleinen Schritten an die Zukunft und planen in absehbaren Einheiten. Und wir nehmen jeden Tag als Geschenk, das wir mit ihm teilen dürfen.

 

01. November 2014

Ein Jahr mit dem Rollwagen ist um - wir können es kaum fassen, dass alles (fast) noch so ist wie vor 12 Monaten! Es sieht so aus, als ob Gismo fest entschlossen ist, die Ausnahme zu werden, die die Regel bestätigt. Immer noch mit klarem Blick und deutlichen Ansagen ist er Teil unseres Lebens und scheint noch lange nicht bereit, diesen Zustand ändern zu wollen. Dankbar sind wir vor allem dafür, dass er in seinen letzten Lebensabschnitt schmerzfrei ist und die Krankheit nichts an seinem Wesen und seinen Eigenheiten verändert hat.

17. Juli 2015

16 Jahre, 21 Monate im Rolli und er nimmt immer noch am Leben teil - wir feiern heut tatsächlich seinen 16. Geburtstag und sind fast ein kleines bisschen ungläubig... Kann das wirklich sein?

Es ist nicht so, dass die Zeit spurlos an ihm vorübergeht - die Leichtfüßigkeit vergangener Tage ist vorbei, daran besteht kein Zweifel. Ob daran der Rolli schuld ist? Naja, ich kenne Hunde, die mit 10 oder 12 Jahren ohne Rolli schon schlechter unterwegs waren als er jetzt. Arthrose plagt auch die Nicht-Rollifahrer, warum sollte es bei unserem Methusalem anders sein....

Wir hoffen, dass unser Weg auch weiter so einfach zu beschreiten ist, wie er es bis jetzt war und dass er und wir noch viele gemeinsame Tage haben dürfen.

19. November 2015

Er ist eingeschlafen - friedlich und für immer. Und über all die Trauer um den Verlust und das Loch, das nichts und niemand anderes je wieder füllen kann, siegt die Dankbarkeit dafür, dass wir ihn so lange bei uns haben durften. Danke Barbara für Deine Betreuung in seinen letzten Stunden und Dein Mutmachen - ohne Dich hätten wir das nicht geschafft.

 

Aus "Chasing Cars" von Snow Patrol:

If I lay here
If I just lay here
Would you lie with me and just forget the world?

 

 

 

 

Hunde sind nicht unser ganzes Leben, aber sie machen aus unserem Leben ein Ganzes.


Roger Andrew Caras