Die Palette an Reaktionen ist wirklich breit. Manchmal tun sie gut, manchmal kann man darüber lachen, manchmal wird man ärgerlich und manchmal fällt einem gar nichts mehr dazu ein. Am liebsten waren mir immer die Menschen, die - egal mit welcher Einstellung - nachfragten und versuchten, etwas darüber zu erfahren, wie es zu dieser auffälligen Erscheinung kam. Fragen nach dem "Was", "Wie lange", "Wie alt" können leicht beantwortet werden und den ersten Impuls, der oft als (ehrliches) Mitleid geäußert wird, relativieren. Nun ist es aber so, dass nicht alle so offen auf uns zugehen - das ist nur menschlich und hat mit diesem speziellen Thema auch gar nichts zu tun. Wenn man jetzt die Blicke, das Getuschel und manchmal auch die durchaus hörbar geäußerten, kritischen Kommentare jener Zeitgenossen ignorieren würde könnte man ruhig seiner Wege gehen und keinen Gedanken an eben jene verschwenden. Tja, wenn... Ein klein wenig Aufklärung würde oft schon reichen, um die Situation etwas transparenter zu machen. Ich möchte noch nicht einmal so weit gehen und Verständnis wecken wollen - das Verstehen und Wissen um die Bedingungen ist viel wichtiger. Es geht auch niemals um das Wohlwollen seitens der Anderen - nur darum, dass in Gismos Fall kein "armer Hund" hier sein Leben fristen muss, weil seine Menschen nicht loslassen können und sogenannte Tierliebe seltsame und unnötige Blüten treibt.

 

Schwierig im Umgang ist immer die Situation, wenn Menschen, die weder mich noch meinen Hund noch seine Krankheit kennen geschweige denn irgendetwas mit Tieren zu tun haben, sich überzeugt und lautstark über "Lebensqualität" und "Verantwortung" auslassen. Zum Glück gibt es davon nicht besonders viele. In solchen Fällen Überzeugung zu leisten ist praktisch unmöglich und wahrscheinlich auch sinnlos, weil diese Individuen gar nicht an Information interessiert sind. Manchmal liegt mir eine Antwort auf der Zunge, die mir gar nicht entspricht aber solch fruchtlosen Diskussionen eine rasches Ende bereiten würde: "Warum er im Rolli läuft? Weil ich es mir leisten kann!". Ganz ehrlich - bis jetzt hab ich es nicht gesagt...

 

Aber zum Glück gibt es ja auch die anderen - diejenigen, die überrascht sind, dass es "so etwas auch für Tiere gibt" und (obwohl sie selber noch nicht mal tierisch vorbelastet sind) im gleichen Atemzug nach einem Blick auf meinen Hund und in sein Gesicht feststellen, dass er einen sehr zufriedenen und wachen Eindruck macht. Die, die uns lächelnd entgegenkommen, im Weitergehen alles Gute wünschen und ihm freundlich über den Kopf streicheln. Die, die sich mit uns freuen, dass wir alle Rekorde der Rollstuhlhersteller brechen, die die Laufzeit eines Rollis bei einem alten und/oder kranken Hund auf 3-6 Monate beziffern. Und nicht zu vergessen diejenigen, die uns ob dieser "Belastung" Bewunderung abnötigen. Naja, ich kann inzwischen darüber schmunzeln, am Anfang war mir das Heldenimage allerdings peinlich. Vor allem deshalb, weil es gar nichts mit Heldentum zu tun hat, ein Hundeleben mit dem Wenigen an Unterstützung, das in unserem Fall erforderlich ist, nicht vorzeitig beenden zu müssen.

 

"Der kommt aber ganz gut damit zurecht", "Der sieht noch gar nicht so alt aus", "Der ist aber noch wach" - das sind die Aussagen, die mich am meisten freuen, weil sie genau der Wirklichkeit entsprechen. Wenn dies Menschen wahrnehmen können, die ihn und uns nicht kennen, sind diese Sätze eine Bestätigung dafür, dass nicht nur wir sehen, wie gut er trotz allem noch drauf ist.

 

 

Aufklärung tut not - das bleibt unterm Strich übrig.

 

Ein Strassenarbeiter sah uns, grüßte freundlich und bemerkte den Rollstuhl, als wir an ihm vorbeigingen. Ein sehr berührtes "Oh je..." und er nahm Kontakt zu Gismo auf. Ich erklärte ihm, dass es nicht so schlimm sei, weil er schon 15 Jahre alt ist, er nicht mehr soviel Bewegung braucht wie ein junger Hund und er keine Schmerzen hat. "Ja, das glaub ich Ihnen schon, aber so etwas tut mir einfach weh." Nachvollziehbar - mir ging es früher nicht anders, wenn ich Tiere mit Handicap gesehen habe. Inzwischen sehe ich das deutlich differenzierter aufgrund unserer Erfahrungen.

 

"Der arme Hund!" Oft haben wir diese Aussage im vergangenen Jahr gehört - teils in vorwurfsvollem, teils in mitleidigem Ton. Eine Begebenheit aus dieser Rubrik: Unsere Gassirunde war fast zu Ende und wir hatten bereits wieder den Ortsrand erreicht, als plötzlich eine Kinderstimme laut rief: "Der arme Hund!" Ich drehte mich um und sah ein paar Jungs auf einem Hügel sitzen. Ich sparte mir jeden weiteren Kommentar und ging weiter. Wenige Wochen später auf unserem Morgenspaziergang sah ich drei Jungs auf dem Weg zur Schule. Kurz nachdem ich mit meinen beiden Hunden abgebogen war, hörte ich wieder: "Der arme Hund!". Daraufhin wartete ich, bis sie an der Abzweigung angekommen waren und fragte freundlich, wer denn gerufen hätte. Daraufhin deuteten zwei der drei auf den dritten (es hat mich sehr zum Lachen gereizt...) und auf meine Nachfrage bestätigte derjenige, dass er es gewesen sei. Ich fragte ihn, ob er denn, wenn er ihn sich so anschaut, den Eindruck hätte, dass Gismo ein armer Hund sei. Das verneinte er nach einem prüfenden Blick und begann dann, mit Unterstützung seiner beiden Freunde, Informationen über das "Warum" und "Wie" einzuholen. Innerhalb kurzer Zeit waren wir von weiteren Schulkindern umringt, die alle wissen wollten, warum Gismo denn im Rollstuhl läuft und meinen beiden Fellnasen höchst willkommene Streicheleinheiten zukommen liessen. Schließlich verabschiedeten wir uns alle voneinander und gingen unserer Wege. Als wir uns das nächste Mal sahen, spielten die Buben Hockey auf einer Wendeplatte, deren Rand unseren Weg markierte. Sie sahen uns und riefen den anderen Mitspielern zu, dass sie kurz warten sollten, bis wir vorbei gegangen seien. Ich bedankte mich bei Ihnen und freute mich sehr über ihre Rücksichtnahme, die ohne das vorangegangene Gespräch vielleicht nicht so nett ausgefallen wäre.

 

Irritiert hat mich die Reaktion eines Hundebesitzers, der mich schon lange kennt und sich sehr kritisch über Gismos Situation ausließ. Ich konnte mich rückblickend des Eindrucks nicht erwehren, dass aus seinen Aussagen die Angst sprach, möglicherweise selbst irgendwann vor einer derartigen Entscheidung zu stehen und er jetzt schon rechtzeitig die Weichen für ein leichteres Leben (ohne Handicap-Hund) stellen wollte.

 

Hunde reagieren in der Regel ziemlich entspannt und neutral, tendenziell eher neugierig auf den Rolli und Gismos verändertes Erscheinungsbild, manchmal auch etwas unsicher. Wenn sie Kontakt zu ihm aufgenommen haben und im Weitergehen feststellen, dass er sich nicht anders verhält als andere, "normale" Hunde, benehmen sie sich wie sonst auch gegenüber "normalen" Hunden. Das beste Beispiel für Akzeptanz war die Begegnung im September 2014 mit einer läufigen Hündin (einer nicht unattraktiven Blondine im besten Alter), die - nachdem sie bei Bogey nicht landen konnte - sich ihm an den Hals warf. Tja, was soll ich sagen - wenn der blöde Rolli nicht gewesen wäre... Er versuchte tatsächlich, nachdem er sich ausführlich vom Duft des Mädchens übezeugt hatte, bei ihr aufzusteigen. Erst als er ganz sicher war, dass seine Räder nicht stehenbleiben wollen, liess er von dem Vorhaben ab und begnügte sich mit Schnüffeln, Schmatzen, Augenrollen und all diesen Dingen, die man sich bei Alten gar nicht vorstellen will! Das zum Thema: "Ist denn das noch lebenswert?" und "Hat er ein Rolli-Stigma?".

 

 

Solange Bogey ihn noch zum Spielen auffordert, kann er gar nicht schlecht drauf sein - ich bin mir sehr sicher, dass sich Bogeys Verhalten gegenüber Gismo verändern wird, wenn unsere letzte gemeinsame Zeit anbricht. Bislang ist davon noch nichts zu spüren:

 

 

Dankbar bin ich vor allem für die Möglichkeit, Gismos Betreuung bewerkstelligen zu können - gut, dass mein berufliche Veränderung 2012 genau so verlief und ich in meiner Selbstständigkeit die Zeiteinteilung und arbeitsfreien Stunden so organisieren kann, dass er nicht zu kurz kommt. Weder als Voll- noch als Teilzeitkraft wäre es möglich gewesen und auch die diesbezüglich schon vielen angestellten Überlegungen haben keinen Ausweg gezeigt. Was für ein Glück, dass alles so kam!

 

 

 

 

Hunde sind nicht unser ganzes Leben, aber sie machen aus unserem Leben ein Ganzes.


Roger Andrew Caras