Es ist sicher nicht so, dass man die Betreuung eines Handicap-Hundes immer mit einem Lächeln auf den Lippen leisten kann. Jeder, der schon einmal einen Kranken (egal ob Mensch oder Hund) versorgt hat, weiß, dass es irgendwann im Verlauf der Krankheit schwierig werden kann.

Das einzig Gute an der degenerativen Myelopathie ist, dass der komplette Versorgungsaufwand nicht auf einmal besteht, sondern nach und nach mehr wird und man sich an die steigende Belastung langsam gewöhnen kann. Sicher - die erste Zeit ist die heftigste. Der Umgang mit dem Rolli, die Immobilität im Haus, die vielen Unterbrechungen in den Nächten, weil Gismo sich nicht mehr allein umdrehen und seine Position verändern kann, nicht zuletzt der Umgang mit der neuen Situation - all das sind und waren für ihn und für uns teilweise Strapazen, die gar nicht so einfach zu kompensieren sind. Hierüber Schönfärberei zu betreiben wäre einfach nicht richtig - es ist unbestreitbar anstrengend. Und wenn ich jetzt sagen würde, dass ich "wenn ich die Dankbarkeit in seinen Augen sehe für alle Mühen entschädigt werde", wäre es völlig überzogen und an einem (gerne bemühten) Pseudo-Ideal angelehnt, das - zumindest in unserem Fall - so nicht existiert. Es ist für uns und für ihn einfach ganz normal, dass er in seinem letzten Lebensabschnitt mehr Unterstützung durch uns benötigt und bekommt.

ABER: unser Gismo ist immer noch witzig und wir können oft mit ihm und über ihn lachen! Und wir freuen uns, dass wir ihn noch haben, auch wenn dies mit einiger Arbeit verbunden ist. Er war schon immer ein (im besten Fall) mitteilsamer Zeitgenosse, der mit seinen Äusserungen über Schmerzen, Hunger oder Durst, Hundemädchen, jüngere Rüden, zu lange Wartezeiten und und und, nie hinterm Berg gehalten hat. Stilles Leiden war für ihn zu keiner Zeit eine mögliche Option. Warum sollte es also im hohen Alter anders sein? Wir vergleichen ihn oft mit einem ungeduldigen, nörgeligen, alten Mann, der JETZT sein Essen haben will, darauf besteht selber zu entscheiden, welche seiner Körperseiten zum Liegen besser geeignet ist als die andere (unabhängig davon, ob ihm wechselseitiges Liegen besser gut tut...), Störungen in seinem gewohnten Tagesablauf lautstark kritisiert und überhaupt bis auf die Tatsache, dass er nicht mehr laufen kann, voll im Leben steht und gar nicht daran denkt, kürzer zu treten. Manchmal könnte man meinen, es macht ihm Spass, uns ein bisschen auf Trab zu bringen.

 

Damit wir ihn zuhause von A nach B bringen können, haben wir verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Was nicht funktionierte waren die üblichen Tragehilfen für Hunde, weil die nicht steif genug gearbeitet sind, beim Hochheben und Belasten knautschen und damit unangenehmen Druck auf den weichen Unterbauch ausüben, der zum Urinverlust führt. Auch andere Modelle, die wie ein Geschirr gearbeitet waren, entsprachen nicht unseren Vorstellungen, weil sie beim Kotabsatz unweigerlich verschmutzt worden wären. Wir haben nach einigen Anläufen ein altes Geschirr umgearbeitet und daraus eine prima Hebehilfe entwickelt - Beschreibung unter "Hilfen".

Zusätzlich zum Hebegeschirr trägt er ein Trailgeschirr, das einfach und schnell anzuziehen ist - wenn's sein muss auch mal mit einer Hand - und aufgrund des kompakten Aufbaus eine stabile Unterstützung beim Treppensteigen, Hinlegen, ins Auto einsteigen oder Festhalten ermöglicht.

 

Zu den ganz praktischen Dingen, die vor allem für viele Hundehalter interessant sind, gehört die Frage: "Wie setzt er denn Urin und Kot ab?" Sie ist einfach beantwortet:

Solange die Ansteuerung der Schließmuskel noch funktioniert, ist - beim Rüden - Urinabsatz und Markieren im Rollstuhl überhaupt kein Problem. Er hebt zwar nicht mehr das Bein, kann aber trotzdem an den für ihn sinnvollen Stellen seinen Duft hinterlassen, indem er sie anfährt und dann die Blase leert. Auch der Kotabsatz ist möglich, sicher aber mit der Einschränkung, dass es aufgrund der neuen, geraden Körperhaltung etwas länger dauert, weil das Pressen (ohne den Rücken zu krümmen) erschwert ist.

Sobald die Schließmuskeln ihrer Funktion nicht mehr entsprechen wird es aufwändiger, das Ergebnis ist unkontrollierter Kot- und Urinabsatz. Da bleiben nicht viele Möglichkeiten ausser vorbereitet zu sein. Bei einem langhaarigen Hund wie Gismo ist die Hundewindel keine gute Wahl, da Kot nicht schnell genug entdeckt wird und sich so in aller Ruhe im Fell verteilen kann. Deshalb ist die sicherere Lösung Einweghandschuhe parat zu haben, bei einschlägigem Geruchsverdacht die Ursache einzusammeln und in der Toilette zu versenken. Um die Konsistenz in Bezug auf minimalen Reinigungsaufwand zu optimieren bekommt er Karottenpellets zugefüttert. Bei Urinverlust hingegen sind Windeln eine gute Sache. Für Gismo bin ich bei den größten Kinderwindeln gelandet, die ich einfach um den Bauch lege und auf dem Rücken verschliesse (Gismo hat eine Risthöhe von 60 cm und wiegt 27 kg). Um den entstehenden Müll zu minimieren, kann man in die Windel noch Damenbinden einlegen, sodass tagsüber nicht die ganze Windel sondern nur die Einlagen gewechselt werden müssen.

Irgendwann ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass die Blasenfunktion deutlich eingeschränkt ist. Bei einer dann bestehenden Überlaufblase ist das vollständige Entleeren durch den Hund nicht mehr gewährleistet und das Risiko einer Entzündung aufgrund des ständigen Urinrests steigt deutlich an. Manuelles Ausmassieren ist (neben einem Katheder, der wiederum die Gefahr von aufsteigenden Bakterien birgt) eine simple und wirkungsvolle Methode, die Blase zu entleeren. Die Vorgehensweise ist ganz einfach und kann beim Tierarzt angefragt werden, alternativ ist das Internet eine gute Informationsquelle.

 

Das regelmäßige Reinigen des Genital- und Analbereichs mit viel Wasser und etwas mildem Hundeshampoo ist dringend erforderlich, ansonsten bleibt ein Naserümpfen kaum aus. Bei langem und dichtem Fell hilft das Scheren des Genitalbereichs zusätzlich gegen entstehende Gerüche durch die ständig getragene Windel. Auch die übliche Routine von Krallenschneiden, Bürsten, Ohrenreinigung, Hautkontrolle und was sonst noch so ansteht darf nicht ausgesetzt werden - immerhin kann sich ein Hund mit gelähmten Hinterläufen nicht kratzen wenn's mal juckt!

 

Da Gismo am Tag ca. 22 Stunden liegt ist es besonders wichtig, dass er am Leben teilhaben kann. Deshalb sind seine Liegeplätze strategisch sinnvoll angelegt - immer so, dass er einen großen Rundumblick hat und direkt dabei sein bzw. alle (soweit möglich) sehen kann. Unsere Überlegungen bezüglich dem "Wo" korrigierte er recht schnell uind er zeigte ganz eindeutige Präferenzen, die wir entsprechend umgesetzt haben. Um Aufliegen und Druckstellen zu vermeiden haben wir für seine Liegeplätze Matrazenauflagen aus Visco-Schaum gekauft. Das hat auch prima funktioniert, er hat bis auf eine kleine Liegeschwiele am Ellbogen keine weiteren defekten Hautstellen entwickelt. Auf den Matrazen liegt eine feuchtigkeitsundurchlässige Molton-Auflage und auf deren Überzug eine Einweg-Inkontinenzunterlage, die man im Internet in Großpackungen recht günstig bekommt. So gesichert ist - sollte es mal passieren - eine verrutschte oder ausgelaufene Windel kein Problem.


Medikamente waren lange Zeit kein Thema, wofür auch. Wir haben diverse Präparate zur Unterstützung der höheren Belastung von Vordergliedmaßnahmen und Rumpf infolge des Rolliziehens ausprobiert. Aber Zeel, chinesische Kräuter, Teufelskralle und Grünlippmuschelextrakt  machen unseren Großen nur begrenzt mobiler - in diesem Alter gibt es einfach degenerative Abnutzungen, die auch durch Pulver und Tabletten nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Nur bei "Unfällen", die z.B. durch schräges Auffahren an einen Hang oder Stolpern bei unebenem Boden passieren, sichern wir seine Schmerzfreiheit mit ein Schmerzmittel ab. Seit Sommer 2015 bekommt er gegen die Arthrose im linken Vorderlauf Cimalgex. Wir haben uns zu Beginn der Krankheit durch alle Möglichkeiten der Beruhigungsmittel durchprobiert, um ihm und uns ruhigere Nächte zu ermöglichen. Bei bis zu 6 Unterbrechnungen wird Schlaf eine sehr relative Sache und vom nötigen Erholfaktor ist nicht mehr viel übrig. Angefangen bei Baldrian, Johanneskraut, Hopfen, über Tryptophan und Casein, weiter mit Neurexan bis zum Ende mit Acepromazin haben wir alles durch - Phytotherapie, Hormonsteuerung, Homöopathie und klassische Medikation - ohne nennenswerten Erfolg. Gute Umgebungsbedingungen - bei Gismo ganz klar Temperaturen unter 20 Grad - bieten die höchsten Chancen für lange Schlafphasen mit wenig Unruhe. Im Sommer ist dies leider nur sehr schwierig herzustellen, aber mit einem Deckenventilator und selbstkühlenden Liegematten (die nicht zu kalt sind, um nicht das Gegenteil vom gewünschten Ergebnis zu bekommen - immerhin kann er sich nicht davon wegbewegen) ist es für ihn (und für uns) erträglich. Zum Glück dauert der Sommer bei uns nicht so lange!

 

 

 

 

Hunde sind nicht unser ganzes Leben, aber sie machen aus unserem Leben ein Ganzes.


Roger Andrew Caras